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aus NEUE REVUE

vom 21.10.1999

Jutta Ditfurth:

Zahltag, Junker Joschka!

(Teil 2)

Deutschland, das ist dein Außenminister

"Olivgruene"
"Friedensstifter"

Er ist Deutschlands populärster Minister. Er schickt Soldaten in den Krieg und läßt sich als Friedensstifter feiern. Doch seine Vergangenheit ist dunkel. Er ließ den Molotow-Cocktail-Angriff zu, bei dem ein Polizist halb verbrannte. Er schickte seine Frankfurter Gang in den Wald zum Steinwerfen-Üben. Noch heute verschweigt er, warum er im Gefängnis saß.
Jutta Ditfurth, die Serie: Zahltag, Junker Joschka...

Etwa 1983/84 ging die Geschichte der hessischen Grünen verloren. Die "Realos" um Josef Fischer und Daniel Cohn-Bendit hatten sich im Landesverband die Mehrheit erputscht. Daraufhin verschwand das Archiv der Partei. Die Sieger handelten wie Stalin, der das Gesicht seines Erzfeindes Trotzki von allen offiziellen Fotos wegretuschieren ließ. Pech für die Realos, daß (nicht nur) ich ein eigenes Archiv führte und führe.

1977 zog ich nach Frankfurt am Main. In Szenekneipen hingen frustrierte Gestalten am Tresen herum. Das waren die legendären Frankfurter Spontis, hieß es. Ich hatte keinen von ihnen bei den großen Anti-AKW-Demonstrationen des Jahres 1977 in Brokdorf, Grohnde oder Kalkar gesehen. Sie lamentierten von alten Zeiten wie Veteranen vom Krieg. Ihre große Zeit war längst vorbei.

Einer der klügsten Köpfe der Frankfurter Linken, Hans-Jürgen Krahl, war 1970 bei einem Autounfall umgekommen. Seine Fußstapfen blieben für Josef Fischer zu groß. Um sich zwischen linken Theoretikern zu behaupten, mimte Fischer den proletarischen antiintellektuellen Kämpfer.

Aber als er Außenminister werden wollte, bebilderte er seine Biografie neu. Aus dem Sohn einer hart arbeitenden, in kleinen Verhältnissen lebenden schwäbischen Metzgersfrau wurde plötzlich der Nachfahre einer "richtigen Metzger-Dynastie". Der künftige Außenminister entdeckte in der Familiengeschichte fast großbürgerliche Ahnen, die in einem "ansehnlichen Gehöft" vor Budapest gelebt haben, mit Kindermädchen und Waschfrau. Jetzt war, spottete Jürgen Leinemann im Spiegel, "in historisch umwölkter Düsternis große Oper angesagt".

*

Fischers Putzgruppe
J. Fischer und D. Cohn-Bendit

Fischers Freund Daniel Cohn-Bendit beherrschte die Zeitschrift "Pflasterstrand", die er bald als Kampfblatt gegen die Grünen einsetzte. Im berühmten "Strandcafé" verlangte der lärmende Szeneboß stets den besten Tisch, Sekt und Bedienung. Für alle anderen Gäste galt Selbstbedienung. Mitarbeiter, die sich den Sonderwünschen des antiautoritären Tyrannen widersetzten, hatten schlechte Karten. Einer von ihnen, Noureddine Mamaen, ist heute Chef des "Strandcafé" und sagt: "Wir können auf Cohn-Bendit als Gast verzichten."

Der "rote Dany" lebt vom Image, im Pariser Mai von 1968 ein Revolutionär gewesen zu sein. Die Sache war mehr ein Zufall. Der französische Minister für Jugendfragen, Misoffe, weihte ein Schwimmbecken auf dem Campus der Uni von Nanterre ein. Cohn-Bendit wollte ihn provozieren, indem er dem Minister von seinen sexuellen Schwierigkeiten erzählte. Misoffe riet ihm, in den Pool zu springen. Dany schimpfte, Misoffe sei ein übler Faschist. Das machte Schlagzeilen. Dany entschuldigte sich. Misoffe lud ihn zum Essen ein. Cohn-Bendit wurde berühmt. Die Studenten der Uni von Nanterre wählten ihn zum Sprecher. Als Cohn-Bendit 30 Jahre später, 1998, als etablierter grüner Politiker die Uni von Nanterre besuchte, warfen ihm linke Studenten eine Torte ins Gesicht.

Cohn-Bendit beschrieb seine Rolle im Mai '68 ein einziges Mal zutreffend: "Ich war immer das Rumpelstilzchen. Ich hatte die ganze Bühne für mich, durfte herumspringen und schreien. Das hat mir ungeheuer gut gefallen."

Cohn-Bendit zog nach Frankfurt. Fischers intellektuell unauffälliger Gruppe "Revolutionärer Kampf" gefiel es, einen vermeintlich echten Revolutionär in den eigenen Reihen zu haben. So strickte man mit einigem Erfolg und zu gemeinsamem Nutzen am Mythos des "roten Dany". Dabei hatte Cohn-Bendit 1967/68 nur getan, was er bis heute am besten kann: Bei ausgeschaltetem Verstand den Zeitgeist in Worte fassen. Damals links, heute rechts. Später werde ich erzählen, was aus "Rumpelstilzchen" wurde. Soviel sei verraten: Das mit dem Revolutionär hat sich gegeben. Am 15. September 1995 verkündete der "rote Dany" in "Die Woche": "Ich fände es hirnverbrannt, alle Atomwaffen einseitig zu verschrotten."

Er war seinem trendmäßig trägeren Freund Fischer wieder einmal voraus und plädierte, vier Jahre vor dem Krieg gegen Jugoslawien, für die deutsche "Fähigkeit" zur humanitären Intervention", also zum Krieg, zum Beispiel in Bosnien.

Zu Fischers Gang gehört auch Tom "Ärmelschoner" Koenigs. Zu ihm später mehr. Mit von der Partie auch Ralf Scheffler, Fischers chronischer Trauzeuge. Scheffler ist Chef der Frankfurter Musikkneipe "Batschkapp", wo sich Fischer, Cohn-Bendit und Koenigs in den 70ern schlagkräftig als Szenen-Polizei betätigten. Unter einer rotgrünen Frankfurter Stadtregierung durfte Scheffler sich über kräftige finanzielle Wohltaten freuen und noch einen Nachtclub, das "Nachtleben", eröffnen. Inhaltlich ging es auch mit ihm bergab: 1997 durfte die rechts-extreme Dark-Wave-Gruppe "Death of June" in der ,"Batschkapp" auftreten.

Mitglied der Fischergang auch Matthias "der Pfarrer" Beltz, heute Kabarettist. Er wird 1985 Kumpel Josef mit der Waffe des Wortes in den Ministersessel verhelfen. Dabei auch Thomas Schmid, heute bei der "Welt". Er ist Teil eines Realo-Medien-Netzes, zu dem auch Reinhard Mohr (Der Spiegel) oder Cora Stephan (freie Autorin) gehören und dem ich mich in einem späteren Kapitel mit liebevoller Sorgfalt widmen werde.

Wenn die "Putzgruppe" mit bis zu 40 Leuten in Taunuswäldern Steineschmeißen übte, soll auch Raoul Kopania dabei gewesen sein. Sein Training half ihm später, die Aktenkoffer von Umweltminister Fischer zu schleppen und sich auf grünen Bundesversammlungen oder in der Bundestagsfraktion als Schläger zu profilieren. Hartnäckig hält sich bis heute das Gerücht, daß diese Taunuswälder manchmal im vorderen Orient gelegen haben.

Fischermann Johnny Klinke gründete 1988 das Variete-Theater "Tigerpalast". Während die Stadt Jugendzentren das Geld strich, wurde Fischers Johnny großzügig bedient. Der "Tigerpalast" erhielt von Wirtschaftsminister Steger 700000 Mark Kredit, wie man hört, zinsfrei. Die Stadt Frankfurt gab 2 Millionen Mark für den Umbau. Einmal feuerte Klinke einen äthiopischen Tellerwäscher, als der sich krank gemeldet hatte. Vor dem Arbeitsgericht verlor Klinke auch diesen "revolutionären Kampf".

Klinke freundete sich mit Udo Corts an, einem CDU-Dezernenten, der Frankfurt von Wohnsitzlosen und Bettlern "säubern" wollte. Mit Corts kämpfte Johnny Klinke gegen die lästige "Nachtruhefraktion". Gemeinsam mit Nachtclubbesitzer Scheffler verlangten sie, daß auch dort, wo Menschen früh aufstehen müssen, um zur Arbeit zu gehen, Kneipen die ganze Nacht öffnen dürfen.

Während die späteren Ökosozialisten bei den Grünen, Rainer Trampert und Thomas Ebermann und ihre Organisation Kommunistischer Bund (KB), in der Lehrlingsbewegung und in großen Hamburger Betrieben in den siebziger Jahren tatsächlich eine breite soziale Basis hatten, waren die Frankfurter Spontis mit ihrem Versuch, zwischen 1971 und 1973 (Fischer war auch ein paar Monate dabei) den Arbeiterinnen am Fließband bei Opel die Revolution zu erklären, gescheitert.

Der Frust wuchs. Statt der heute behaupteten antiautoritären Kultur herrschte in Fischers Männerbund die nackte Gewalt und verleugnete Hierarchie. Noch in den 80ern kokettierte Josef mit seiner "Lust am Schlagen", einem "tendenziell sadistischen Vergnügen". Fischer war 1986 ein Politiker an der Leine des "Spiegel", als er dem Blatt gestand, daß er selbst "im engsten Realokreis" häufig daran gedacht habe. Probleme mit der Faust zu lösen: "Dann stand die Gewaltfrage im Raum."

Heute hat Fischer Zugriff auf eindruckvolleres Spielzeug: ein ganzes Arsenal von Nato-Waffen. Dafür bezeichnete ihn sein Freund Rudolf Augstein im Spiegel (Oktober 1999) als "Charaktermaske" und kündigte dem "Schuft" - wegen dessen Abhängigkeit von der US-Nato-Politik - die Freundschaft auf.

Am 9. Mai 1976 wurde die 4ljährige Ulrike Meinhof in ihrer Zelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden. Am nächsten Tag sollte in Frankfurt demonstriert werden. Es flogen Molotow-Cocktails. Zwei Polizisten wurden schwer verletzt. Der 23jährige Polizeiobermeister Jürgen Weber erlitt 60prozentige Hautverbrennungen. Am 14. Mai wurden 14 Personen verhaftet. Unter den Festgenommenen war auch Josef Fischer. Er blieb knapp zwei Tage in Haft. Eine Tatsache, die seine gefällige Biographin Sybille Krause-Burger zu erwähnen vergaß.

Am 9. Mai 1976 hatte es eine vorbereitende Sitzung gegeben. Eine Mehrheit plädierte für den gezielten Einsatz von Molotow-Cocktails, eine Minderheit warnte, man bekäme die Situation nicht in den Griff. Der Autor Christian Schmidt fand rund 20 Jahre später einen Augenzeugen: "Schließlich gab es nur noch eine Person im ganzen Saal, die das absehbare Desaster hätte abwenden können: der Mann, der die Diskussion leitete, Genosse Joschka Fischer persönlich", aber der setzte sich für Molotow-Cocktails ein.

Der Pate
Josef Fischer (1996)

So gern Fischer über sich selber schwätzt: Er hat nie verraten, was ihm von der Staatsanwaltschaft vorgehalten wurde. Merkwürdig, da die Ereignisse von 1976 seiner Karriere nicht geschadet haben. Im Gegenteil.

Immer wenn zum Beispiel ein CDU-Hinterbänkler den hessischen Umweltminister in den 80er Jahren wegen seiner Vergangenheit attackierte, wurde er zurückgepfiffen. Sogar das Bundeskriminalamt (BKA) nahm Fischer 1998 gegen weitergehende Vorwürfe in Schutz. Andere Linke, die nur mal ein radikales Flugblatt unterschrieben hatten, bekamen bis heute keinen Job. Josef Fischer wurde Außenminister.

Was immer in jenen knapp zwei Tagen Haft geschehen ist. Josef Fischer war nach den Ereignissen im Mai 1976 nie wieder eine Bedrohung für den Staat. Er übernahm eine nützliche Aufgabe: die Integration ehemaliger Linker in den Staat.

Fischer malt mit schwülstigen Farben Kitschpostkarten des eigenen Lebens. Er liebt es, sich in Szene zu setzen. Er geht nicht einfach über eine Straße. Nein! Es gelingt ihm, lebend eine Schlucht voller Raubtiere zu überqueren. Auch seine Aussagen über den 10. Mai 1976 und die Folgen versinken im Pathos: "Ich bin manchmal am Abgrund entlang balanciert." Und: "Ich habe alles erlebt und durchlitten."

Fischer nahm diese sehr deutsche Methode, nach außen brutal zu sein, aber sich selbst wehleidig zu bemitleiden, in das Auswärtige Amt mit. Als er 1999, mit Schröder und Scharping, den Krieg gegen Jugoslawien anführte, präsentierte er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht als das erste Opfer seines Krieges. Zur gleichen Zeit starben Menschen unter Bomben, für deren Abwurf er mitverantwortlich war. Nach der Meinhof-Demonstration hing Fischer jahrelang durch, auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Er fuhr Taxi. Betrieb mit geklauten Büchern ein Antiquariat. Führte mit Cohn-Bendit inhaltsleere Hahnenkämpfchen. Kinderzeugen und -kriegen wurde Mode.


(NEUE REVUE 43/1999)

Nächste Woche:
Kindermörder Bartsch, Frauenmörder Honks - und Joschkas unheimliches Bekenntnis (Neue Revue 44/99)

Bisher erschienen:
So grün war mein Traum (Neue Revue 42/99 v. 14.10.1999)

Siehe auch:
Stützen der neuen Regierung: Der Außenminister - Joseph Fischer
Interview mit Jutta Ditfurth (Der Tagesspiegel v. 23.10.99)
Ein Hoch auf den Kleinkrämer - Joschka Fischers Antwort auf die Globalisierung

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